Im Alpbachtal lebt 300 Jahre altes Handwerk wieder auf

Aktualisiert am 04.07.2026 | Alpbachtal

Hinter den Kulissen von Tirols größtem Freilichtmuseum geht’s derzeit Brett für Brett ins Jahr 1716. Eines der ältesten Bauernhäuser des Museums bekommt ein neues Dach.

Peter Pfister und Martin Werlberger beherrschen traditionelle Handwerkstechniken, wie sie bereits vor rund 300 Jahren angewendet wurden. Mit ihrem Wissen tragen sie zum Erhalt des historischen Zenzl’s Hofs bei. © Gabriele Griessenböck

Kramsach – Wer durch das Museum Tiroler Bauernhöfe spaziert, sieht historische Höfe, alte Stuben und blühende Bauerngärten. Was die meisten Besucher nicht sehen: Hinter den Kulissen wird laufend gearbeitet, damit Tirols größtes Freilichtmuseum überhaupt erhalten bleibt. Derzeit hoch oben auf einem Dach.

Auf den ersten Blick wirkt der Zenzl’s Hof aus St. Leonhard im Pitztal wie ein gewöhnliches Bauernhaus. Doch das Gebäude zählt zu den ältesten Höfen im Museum. Über der Eingangstür ist die Jahreszahl 1716 eingeschnitzt. Mehr als 300 Jahre später stehen Holzbaumeister Peter Pfister und Zimmerer Martin Werlberger auf dem Dach und kämpfen mit denselben Herausforderungen wie ihre Vorgänger.

„Manchmal scherzen wir: Blechdach drauf und Ruhe ist“, lacht Peter Pfister. Doch genau das kommt hier nicht infrage.

Der Zenzl’s Hof zählt zu den ältesten Gebäuden im Museum Tiroler Bauernhöfe. Sein neues Dach wird mit traditionellen Techniken gefertigt. Ohne Pappe, ohne Blech, nur reinstes Lärchenholz. Es wird wieder 20 Jahre halten. © Museum Tiroler Bauernhöfe

Jedes Brett muss perfekt sein

Das Museum Tiroler Bauernhöfe beherbergt rund 34 original aufgebaute Höfe und Gebäude aus allen Talschaften Tirols. Sie wurden an ihren ursprünglichen Standorten sorgfältig abgetragen und in Kramsach originalgetreu wieder aufgebaut. Damit Besucher erleben können, wie die Menschen früher gelebt, gearbeitet und gebaut haben. Das bedeutet aber auch, dass Reparaturen strikt nach historischen Vorbildern erfolgen müssen. Beim Zenzl’s Hof wird deshalb kein modernes Dach montiert. Stattdessen entsteht wieder ein traditionelles Bretterdach aus heimischer Lärche. Insgesamt 160 Quadratmeter Dachfläche werden erneuert.

„Für so ein Dach braucht man ganz besonderes Holz“, erklärt Pfister. „Jedes Astloch, jeder Riss und jede Unebenheit können später dazu führen, dass Wasser eindringt.“ 14 Kubikmeter Lärchenholz aus Wiesing wurden dafür bestellt. Die beiden Handwerker mussten Brett für Brett auswählen. Nur die besten Stücke kommen auf das Dach.

Jedes Brett wird sorgfältig geprüft. Astlöcher, Risse oder Unebenheiten könnten später dazu führen, dass Wasser ins Dach eindringt. © Gabriele Griessenböck

Ein Dach ohne Unterdach

Besonders bemerkenswert: Das Dach besitzt kein Unterdach. Damit Regenwasser trotzdem zuverlässig abfließt, wird in jedes einzelne Brett von Hand eine kleine Ablaufrinne geschnitzt. Eine Technik, die seit Jahrhunderten funktioniert. Werlberger kennt diese Arbeit bestens. Als das Dach zuletzt erneuert wurde, war er gerade frisch im Museum beschäftigt.

„Schon damals war das keine leichte Aufgabe“, erinnert er sich. Rund drei Wochen dauert die aktuelle Sanierung.

Eine Dachseite ist bereits fertig. Auf der anderen entsteht Brett für Brett ein neues Dach nach historischem Vorbild. © Gabriele Griessenböck

Wenn das Material knapp wird

Die Arbeit geht den beiden Fachleuten nicht aus. Im Gegenteil. Der nächste Kandidat wartet bereits. Ein historischer Hof mit Schilfdach müsste dringend saniert werden. Doch passendes Material war zuletzt kaum zu bekommen.

„Wir mussten die Renovierung auf nächstes Jahr verschieben“, erzählt Pfister. „Bei starkem Regen stellen wir derzeit Wasserkübel auf und hoffen, dass es noch hält.“ Ein Satz, der zeigt, wie viel Improvisation manchmal nötig ist, um jahrhundertealte Gebäude zu bewahren.

Der Südtiroler Hof mit seinem Schilfdach ist der nächste Kandidat, der ein neues Dach benötigt. © Museum Tiroler Bauernhöfe

Bewahren kostet Geld

Auch finanziell sind solche Arbeiten eine Herausforderung. Allein die Dachsanierung des Zenzl’s Hofs kostet rund 25.000 Euro. Dazu kommt ein eigens angeschafftes Gerüst für weitere Sanierungsarbeiten im Museum. Kostenpunkt: weitere 15.000 Euro.

„Es ist höchste Zeit, dass wir das Dach erneuern. Sonst geht die Substanz des Hauses verloren“, sagt Pfister.

Eine Investition für die Zukunft: Das neue Gerüst wird auch bei der Sanierung weiterer historischer Bauernhäuser im Museum verwendet. © Gabriele Griessenböck

Geschichte unter freiem Himmel

Wer den Zenzl’s Hof betritt, entdeckt noch viele weitere Besonderheiten. Das Haus wurde giebelseitig erschlossen, die Stube über einen Hinterladerofen von der Küche aus beheizt. Unter der Decke befinden sich Selchstangen für Würste und Speck. Selbst der Backofen steht außerhalb des Hauses und wird von der Küche aus befeuert.

Genau solche Details machen das Museum Tiroler Bauernhöfe einzigartig. Zwischen historischen Höfen, Werkstätten, Kapellen und Ställen wird Tiroler Alltagsgeschichte lebendig. Und während derzeit unten die Besucher durch die Vergangenheit spazieren, sorgen oben auf den Dächern die beiden Handwerker dafür, dass diese Vergangenheit auch für kommende Generationen erhalten bleibt.

Weitere Informationen unter: www.museum-tb.at

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