Almabtriebe: Geschichte einer Tiroler Tradition
Aktualisiert am 31.07.2026 | Tirol Werbung
Die Almen prägen Tirol seit Jahrhunderten – nicht nur die Landwirtschaft, sondern auch das typische Landschaftsbild. Auf den Sommerweiden hoch oben in den Bergen entstehen feste Abläufe, die Arbeit und Jahreslauf strukturieren. Der Almabtrieb im Herbst bildet den Abschluss dieser Zeit; seine Wurzeln reichen bis in die Jungsteinzeit zurück.
Steile Hänge, kurze Vegetationszeiten, niedrigere Temperaturen und eine oft langanhaltende Schneedecke bestimmen die Arbeit im Gebirge. Weil Ackerbau vielerorts kaum möglich ist, hat sich in Tirol vor allem in höheren Lagen vielfach die Viehwirtschaft entwickelt: Kühe, Schafe und Ziegen nutzen Weiden oberhalb von etwa 1.000 Metern Seehöhe. Durch das Beweiden bleiben viele Flächen offen, andernfalls würden sie rasch wieder verwalden. So entstehen die charakteristischen Almwiesen, Hütten und Weideflächen, die das Aussehen Tirols bis heute prägen.

Erste Almen in der Jungsteinzeit
Schon in der Jungsteinzeit haben Alpenbewohner alpine Wiesen als Weideflächen genutzt. Pollenanalytische Untersuchungen an der Universität Innsbruck ergaben, dass Almen im hinteren Ötztal bereits vor mehr als 6.000 Jahren beweidet wurden. Auf der Kelchalm bei Kitzbühel wurden Überreste von Almtieren aus der Spät-Bronzezeit (1250 bis 750 vor Christus) gefunden, wobei die Almwirtschaft hier wahrscheinlich Produkte für die Verpflegung von Bergleuten (Kupferabbau) geliefert hat.
Zur Zeit der Kelten und Römer waren es vor allem die Graszonen am Talschluss, die von den lokalen Viehzüchtern „bestoßen“, also genutzt wurden. Die vorrömischen und romanischen Namen vieler zu dieser Zeit erschlossener Almen haben sich mancherorts bis heute erhalten. Ab 1.000 nach Christus erschloss die wachsende Bevölkerung durch Rodung schließlich Weideflächen in den Bergen, vor allem zwischen 1.000 und 1.500 Metern Seehöhe.
Almen im heutigen Tirol
Die Almlandschaft Tirols hat sich über Jahrhunderte erstaunlich wenig verändert. Viele der Almen, die bereits im Rattenberger Salbuch von 1416 für das Alpbachtal verzeichnet sind, werden bis heute bewirtschaftet und sind oft noch denselben Talhöfen zugeordnet.
Auch 600 Jahre später ist die Bedeutung der Almen ungebrochen. Jeden Sommer ziehen tausende Tiere auf die Tiroler Hochweiden. Rund 130.000 Hektar sommerliche Weidefläche und knapp 2.100 Almen stehen dafür in Tirol zur Verfügung. Dort grasen rund 110.000 Rinder sowie über 60.000 Schafe, rund 7.000 Ziegen und etwa 3.500 Pferde.
Einfluss der Almen auf Kultur und Alltag
Natürlich fanden die Almen auch in der Kultur der Tiroler Landbevölkerung ihren Niederschlag. Hier entstand der Jodler, hier spielten Sagen und Geschichten. In Volksliedern besang man früher das sommerliche Leben oben im Gebirge. Um Schutz und Segen wurden bestimmte Heilige angerufen, Barbara, Leonhard, Antonius und vor allem Wendelin. Ihnen zu Ehren wurden auf einigen Almen Kapellen errichtet. Heilige dienten, wie im bäuerlichen Alltag üblich, auch als kalendarische Orientierung. Der Almauftrieb richtete sich früher nicht nur nach Wetter und Futter, sondern auch nach dem Kalender. Je nach Höhenlage zog das Vieh ab Anfang Juni bzw. zu St. Bonifaz, St. Vitus, St. Johann oder St. Kilian hinauf auf die Sommerweiden. Doch nicht überall gaben Heiligentage den Takt vor. Im Ötztal wurden Mittwoch und Freitag für den Almauftrieb gemieden. Im Unterinntal galten Sonntag, Dienstag und Donnerstag als Unglückstage, während im Stanzertal gerade an Dienstagen und Donnerstagen aufgefahren wurde. In der Imster Gegend und in Osttirol wurde zudem die richtige Mondphase berücksichtigt.
Heute bestimmen andere Zeichen den Zeitpunkt. Wo früher oft bis Ende Juni gewartet wurde, treibt nun mancherorts schon Wochen früher die erste Kuh durchs Gatter – ein früherer Vegetationsbeginn ermöglicht vielerorts einen früheren Almauftrieb. Auf einigen Almen beginnt die Saison inzwischen bis zu drei Wochen eher als noch vor wenigen Jahrzehnten. Geblieben ist das Ziel: Das Vieh soll dann auf die Alm, wenn oben genügend Futter wartet.
Das wichtigste Ereignis im Almjahr war jedoch der Almabtrieb. Heimgefahren wurde traditionell zwischen St. Bartholomäus (24. August) und St. Michael (29. September), abhängig davon, ob auf den Wiesen noch genug Gras und Wasser zu finden waren.
Almabtrieb als symbolisches Fest und Kunstobjekt
Rund um die Rückkehr von Vieh und Hirten entstand mit der Zeit ein eigenes Brauchtum. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts tauchten erste Berichte über geschmückte Tiere beim Almabtrieb auf. Die Deutung als Schutzzauber gegen böse Geister prägte lange die wissenschaftliche Sicht. Heute wird sie kritisch gesehen. Dagegen spricht, dass vielerorts nur einzelne Tiere besonders geschmückt wurden. Kam es im Almsommer zu Verlusten durch Krankheit, Steinschlag oder Unwetter, kehrte das Vieh teils ohne Schmuck ins Tal zurück. An schwierigen Wegstellen wurde der Schmuck sogar abgenommen – gerade dort, wo Schutz symbolisch am stärksten wirken müsste.
Der Almabtrieb zeigt sich damit weniger als Ritual des Schutzes, sondern als festlicher Abschluss des Sommers. Die farbige Gestaltung wirkt verspielt und greift Formen des 17. und 18. Jahrhunderts auf. Auch die Art des Schmucks unterscheidet sich deutlich je nach Region. In den Kitzbüheler Alpen und im Zillertal tragen die Tiere naturbelassene, mit Bändern verzierte Nadelholzwipfel zwischen den Hörnern. Westlich von Innsbruck kommen vielerorts entrindete Wipfel und geschnitzte Holzgestecke mit figürlichen Darstellungen zum Einsatz. Rund um Imst und Landeck sind Stirnmasken verbreitet, verziert mit Spiegeln, Bildern und Sprüchen. Im Außerfern, im Wipptal und in Osttirol dominieren Kränze aus Tannenreisig sowie Blumen- und Hörnerschmuck.
Über all diesen kleinen, feinen Unterschieden steht jedoch die große Gemeinsamkeit: die sichere Heimkehr von Mensch und Tier. Der Almabtrieb ist ein Anlass zum Danken. In zahlreichen Dörfern kommen nach der Rückkehr des Viehs nicht nur die Bauernfamilien zusammen, sondern die gesamte Dorfgemeinschaft. In vielen Regionen feiern auch Gäste im Dorf mit. Auf den Tischen stehen Krapfen, Kiachl und andere regionale Spezialitäten, die oft eigens für diesen Anlass zubereitet werden. Sobald alle Tiere gesund im Tal angekommen sind, ist der Almsommer abgeschlossen. Dann kehrt wieder Alltag in die Höfe ein – und die Vorbereitungen für die nächste Alpsaison beginnen bereits im Hintergrund. Denn der nächste Almsommer kommt bestimmt.

Ausgewählte Tiroler Almabtriebe 2026
- 12. September 2026: Steeg, Jerzens, Pfunds
- 13. September 2026: Tarrenz (Schafschied)
- 18. September 2026: Gramai-Alm
- 19. September 2026: Söll, Wildschönau, Reith im Alpbachtal, Brixen im Thale, Kirchberg, Westendorf
- 21. September 2026: Tannheim
- 26. September 2026: Hopfgarten, Kelchsau, Gerlos, Pfunds (Schafschied), Kirchberg, Reith im Alpbachtal
- 10. Oktober 2026: Ebbs (Hengstalmabtrieb)
Witterungs- und futterbedingte Änderungen vorbehalten. Bitte immer die aktuellen Informationen beim jeweiligen Tourismusverband einholen.
Mehr Informationen zu den schönsten Almabtrieben sind unter www.tirol.at/aktivitaeten/events/almabtriebe zu finden, Wissenswertes zu Tirols Almwirtschaft gibt es zudem unter www.unsere-almen.at.











