Schwarze Tracht mit großer Bedeutung
Aktualisiert am 12.05.2026
Warum das Kassettl im Alpbachtal bis heute zum Dorfleben gehört.

Wenn im Alpbachtal Fronleichnam gefeiert wird, ziehen bis zu 100 Frauen im schwarzen Kassettl durchs Dorf. Die traditionelle Festtagstracht prägt bis heute das Ortsbild und wird von Generation zu Generation weitergegeben.
Gerade rund um Fronleichnam am 4. Juni, den Herz-Jesu-Sonntag am 21. Juni oder den Kirchtag in Kramsach am 27. September 2026 zeigt sich, welchen Stellenwert das Kassettl noch immer hat. Musikkapellen spielen auf, Schützenkompanien marschieren durch die Orte und viele Frauen tragen ihre schwarze Festtagstracht zu den hohen Feiertagen.
Mehr als nur Tracht
Früher war das Kassettl die wertvollste Kleidung einer Frau. Getragen wurde es nur zu besonderen Anlässen und kirchlichen Feiertagen. Das „Kassettl“ oder „Röcklgwand“ stammt ursprünglich aus dem Tiroler Unterland und den angrenzenden Regionen.

Typisch sind der eckige Ausschnitt, Goldstickereien am Tuch und farbenfrohe Seidenschürzen. „Der Name leitet sich vermutlich von der Kassettenform des eckigen Ausschnitts oder von der Bezeichnung Korsett ab“, erklärt Thomas Bertagnolli, Kustos vom Museum Tiroler Bauernhöfe.
„Das Kassettl verleiht der Trägerin Würde. Früher war es selbstverständlich, dass man die wertvollste Kleidung zu den höchsten Feiertagen getragen hat. Viele Frauen verbinden damit bis heute Erinnerungen an Familie, Kirche und gemeinschaftliche Feste.“
Charakteristisch sind das kunstvoll bestickte Oberteil, hochwertige Stoffe und der weit fallende Rock. Besonders auffällig ist jedoch der Kassettlhut.
Der schwarze Hut als Erkennungszeichen

Der schwarze Zylinder mit seinen Goldquasten, dem sogenannten „Pfotsch“, zählt zu den markantesten Merkmalen der Tracht. Kenner erkennen an seiner Trageweise oft sofort, aus welcher Region die Trägerin stammt. „Gerade dieser Zylinderhut macht das Kassettl einzigartig“, erklärt Bertagnolli.
Auch die breite Kropfkette gehört zur Tracht. Viele dieser Schmuckstücke sind weit über 100 Jahre alt und werden innerhalb der Familie oder am Hof weitergegeben. Früher galt die Anzahl der getragenen Ketten als Zeichen von Wohlstand. Heute steht eher der persönliche Geschmack im Vordergrund.

Wenn bis zu 100 Kassettlfrauen durchs Dorf ziehen
Besonders eindrucksvoll sind die Prozessionen in Alpbach, Reith im Alpbachtal oder Kramsach. Musikkapellen, Schützen, Vereine und zahlreiche Familien nehmen daran teil. Viele Frauen tragen ihr Kassettl oft nur wenige Male im Jahr, genau zu diesen besonderen Feiertagen. In Alpbach wird der Brauch besonders gepflegt.

Bis zu 100 Kassettlfrauen sind dort etwa bei der Fronleichnamsprozession zu sehen. „Bei schönem Wetter …“, ergänzt Marlen Pühringer mit einem Augenzwinkern.
„Das Kassettl ist für mich Heimat. Es ist Erdung und man ist einfach gut gekleidet“, sagt die Alpbacherin. Ihr eigenes Kassettl bekam sie zur Hochzeit von ihren Eltern geschenkt. Geschneidert wurde es von ihrer Tante Cilli Schießling, die im Bergdorf als begnadete Trachtenschneiderin bekannt ist.
Je nach Anlass verändert sich nämlich das Kassettl. Bei Hochzeiten etwa werden helle Schürzen und weiße Tücher getragen. Bei Trauerfällen dominieren schwarze Stoffe und dunkle Farben.

Die Schleife verrät den Familienstand
Warum sie selbst keinen Hut trägt? „Früher trugen nur verheiratete Frauen einen Hut. Heute entscheidet jede selbst darüber“, sagt Marlen Pühringer. Worauf allerdings genau geachtet wird, ist die Schleife der Schürze. „Rechts gebunden bedeutet verheiratet, links gebunden zeigt, dass die Trägerin noch ledig ist“, erklärt sie.
Wo die alte Tradition abseits der Prozessionen gefeiert wird
Neben den Prozessionen spielt das Kassettl auch beim traditionellen Kirchtag eine wichtige Rolle. Der Festtag findet immer am letzten Sonntag im September im Museum Tiroler Bauernhöfe in Kramsach statt. Dort treffen Trachten, Blasmusik, Handwerk und alte Bräuche aufeinander. Das Fest beginnt mit der Feldmesse, an der auch die Kassettlfrauen in den vorderen Reihen stehen. Erst wenn der laute Knall aus der „Kawum“, einer historischen Kanone ertönt, beginnt das Fest im Freilichtmuseum.

Nicht nur im Alpbachtal verbreitet
Das Kassettl ist nicht ausschließlich im Alpbachtal zuhause. Verbreitet ist die Festtagstracht in mehreren Regionen des Tiroler Unterlands. Dennoch unterscheiden sich Schnitt, Stickereien und Details von Ort zu Ort. Junge Frauen wachsen selbstverständlich in diese Tradition hinein und erleben sie gemeinsam mit Eltern und Großeltern weiter.

„Das Schöne ist, dass das Kassettl hier nicht im Schrank oder im Museum endet. Es wird getragen und weitergegeben“, sagt Thomas Bertagnolli.








