„Die Architektur muss zum Berg passen“

Aktualisiert am 15.03.2018

Das Stubaier Gletscherskigebiet eröffnet am 22. Oktober 2016 die längste 3S-Bahn der Alpen. Mit der neuen „Eisgratbahn“ kommen Wintersportler doppelt so schnell wie bisher zur Skipiste. Andreas Kleinlercher, 53, ist Seilbahndirektor am Stubaier Gletscher. Im Gespräch erzählt er über die kurze Bauzeit, wie die neue Bahn dem Wind ein Schnippchen schlägt und darüber, was eigentlich mit der alten Vorgängerbahn passiert.

Insgesamt 4,7 Kilometer überwindet die neue 3S-Eisgratbahn in nur zwölf Minuten. Designer aus dem Hause Pininfarina haben die topmodernen Kabinen der neuen 3S-Bahn gestaltet und mit Echtledersitzen, WLAN und Panoramaglasfenstern ausgestattet. Länger, schneller und mit Echtledersitzen. Herr Kleinlercher, ist die neue 3S-Eisgratbahn der Ferrari unter den Seilbahnen?

Wenn man solche Vergleiche ziehen will: auf alle Fälle. Mit den Echtledersitzen, den Panoramafenstern und dem modernem Design ist die neue Bahn derzeit nicht zu übertreffen. 

Wie wichtig ist es, dass eine Seilbahn nicht nur schnell und sicher ist, sondern dass sie auch gut aussieht?

Eine neue Seilbahn muss natürlich zuerst alle rechtlichen und sicherheitstechnischen Anforderungen erfüllen. Sie muss vor allem zweckmäßig sein. Aber wenn sie dann auch noch toll aussieht, ist das sicher kein Nachteil. Bei uns hat die Architektur der Bergstation viel vorgegeben: Die Rundungen und die verglasten Fronten werden in der Talstation und zum Teil in der Mittelstation wieder aufgegriffen. Wichtig ist auch, dass das Design dezent bleibt: Die Architektur muss zum Berg passen.

Warum hat man sich entschieden, die alte Eisgratbahn, eine Zwei-Seil-Umlaufbahn, durch eine neue Drei-Seil-Umlaufbahn zu ersetzen?

Die alte Zweierumlaufbahn hatte quasi ausgedient. Wir hätten zwar die Konzession für die alte Bahn noch mal bekommen, aber wir haben uns trotzdem entschieden, sie auszutauschen. Und dann will man sich natürlich verbessern, will Komfort und Förderkapazität erhöhen. Das ist uns gelungen: Von 1.500 Personen hat sich die Förderkapazität auf 3.000 Gäste pro Stunde verdoppelt. Außerdem können wir die Windstabilität durch die 3S-Bahn – zwei Trageseile, ein Zugseil – enorm verbessern. Immer wieder mussten wir in der Vergangenheit die Bahn wegen zu starkem Wind sperren. Das hat vor allem dann Probleme bereitet, wenn – wie oft im Herbst – die Talabfahrt noch nicht befahrbar war, aber schon viele Gäste auf dem Gletscher waren.

Das heißt, der Wind kann die eigenen Skipläne jetzt nicht mehr durcheinanderwirbeln?

Naja, auf jeden Fall fährt die Bahn auch dann noch, wenn die Skifahrer schon nur noch eingeschränkt auf bestimmten Pistenabschnitten fahren können. Eigentlich werden uns mit der neuen Bahn jetzt weder Windstärken über 100 km/h noch viele Gäste aus der Ruhe bringen.

Auch die Talstation wurde verlegt. Was verbessert sich so für die Ski- und Snowboardfahrer?

Vor allem kommen die Gäste schneller auf den Berg. Bisher war es so, dass viele Gäste mit dem Shuttle vom Parkplatz zur Bahn gefahren sind, da der Parkplatz nicht direkt an der alten Talstation lag. Mit der Verlegung der Talstation fällt dieser Shuttle weg und die Seilbahn ist ideal zu Fuß erreichbar. Außerdem ist der Einstieg ebenerdig, es gibt keine Rampe mehr. Und wir können doppelt so viele Menschen in der halben Zeit auf den Berg bringen: Elf Minuten dauert jetzt eine Fahrt mit der neuen Eisgratbahn, früher waren es 23 Minuten. Viel bequemer und komfortabler ist die neue Talstation natürlich auch.

Die neue Bahn wurde ja in recht kurzer Zeit erbaut und soll im Oktober 2016 eröffnet werden. Welche Herausforderungen gab es beim Bau?

Wir hatten eine extrem kurze Bauzeit von nur knapp 1,5 Jahren und die Herausforderungen waren gewaltig. Zum Beispiel das Wetter: Wir kämpften mit Kälte, Schnee und Wind. Außerdem musste die Baustelle immer erreichbar sein, auch im Winter. Und nebenbei sollte aber ein ungestörter Skibetrieb laufen können. Das Wichtigste waren sicher die gute Baustellenkoordination und der ausgeklügelte Zeitplan. Die beteiligten Firmen und unsere Mitarbeiter haben da wirklich super Arbeit geleistet.

Die alte Eisgratbahn war 43 Jahre lang in Betrieb. Fällt einem da der Abschied nicht ein bisschen schwer?

Es war tatsächlich so, dass am Ende Wehmut aufgekommen ist. Ich weiß noch, die letzte Fahrt war am 2. April 2016, das war ein Samstag. Am Sonntag haben wir zusammengeräumt und am Montag wurden dann schon die Seile abgepackt. Das ging so schnell und ich hab mir gedacht: „Hat die Bahn das verdient?“ Aber ich freue mich auch auf die neue Seilbahn, sie wird super.

Was ist denn mit den alten Gondeln passiert?

Drei Gondeln sind im Gletscherskigebiet geblieben, den Rest haben wir verkauft. Es gab so viele Anfragen, dass wir jetzt noch eine Warteliste haben. Wir hatten 130 Kabinen zum Verkauf, hätten aber noch 100 mehr verkaufen können. Die Gäste sind noch nostalgischer als wir. Sie haben Fotos geschickt von Gondelfahrten oder den gekauften Kabinen, die jetzt in ihren Gärten stehen.

 Die höchsten Seilbahnen auf den 5 Tiroler Gletschern:

Von der Bergstation der Karlesjochbahn im Kaunertal auf 3.108 Metern genießen die Gäste einen sensationellen Blick ins Dreiländereck Österreich – Schweiz – Italien. Die höchstgelegene Seilbahn Österreichs ist die Wildspitzbahn auf dem Pitztaler Gletscher: Sie bringt die Fahrgäste bis auf 3.440 Meter. Die Gaislachkoglbahn in Sölden überrascht auf 3.040 Metern mit faszinierender Architektur und dem Restaurant iceQ – der Filmlocation im aktuellen James Bond Film „Spectre“. Die 10er-Einseilumlaufbahn Gefrorene Wand auf dem Hintertuxer Gletscher transportiert an 365 Tagen im Jahr Wintersportler bis auf 3.033 Meter.

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