Trachtiges aus Leder und Metall: Zinnnagelsetzen als seltenes Handwerk neu belebt

Aktualisiert am 26. Dezember 2020

Wilfried Weiss ist einer der Letzten, die das alte Handwerk des Zinnnagelsetzens noch beherrscht. In mühevoller Kleinstarbeit und unzähligen Arbeitsstunden stellt der Kramsacher maßgefertigte Einzelstücke her, die selbst Scheichs und Könige schätzen.

Wilfried Weiss stellt Einzelstücke aus fein besticken Zinn her. Foto: Siefmüller © Stiefmüller

Kramsach – 180 Jahre lang galt die Kunst des Zinnnagelsetzens als verloren. Selbst in den Vitrinen der Heimatmuseen findet sich nur noch eine Handvoll der prächtigen Zinnranzen. Dem Kramsacher Wilfried Weiss ist es in jahrelangen Versuchen gelungen, die handwerklichen Schmuckstücke wieder herzustellen. Weil auch viele Kunden diese feine Arbeit schätzen, lebt die Handwerkskunst heute weiter.

Maßgefertigte Einzelstücke aus Hunterten Zinnnägeln

Gut verborgen, im Kramsacher Ortsteil Länd, hat sich Wilfried Weiss seine Werkstätte eingerichtet. Das feine Aroma von feinem Leder liegt in der Luft, dazu gesellt sich ein Hauch Metallisches der frisch gegossenen Zinnnägel. Nur Kenner wissen, welch ein Schatz sich dort im Keller des schmucken Einfamilienhauses Weiss verbirgt. Maßgefertigte Einzelstücke und opulente Meisterstücke lagern hier zusammen mit Hunderten Zinnstiften, feinstem Leder und filigranem Werkzeug. Wilfried Weiss nennt seine Werkstatt augenzwinkernd die „Heiligen Hallen“, deren erlesene Handwerksprodukte sogar europäische Königshäuser und der Scheich von Oman schätzen. Welche Königshäuser seine silbern glitzernden Ranzen besitzen, das verrät er nicht. Die feine Gesellschaft schätzt neben Wilfrieds handwerklichem Können auch seine Verschwiegenheit.

Einst Schmückender Schutz für rüstige Männer

Während federkielbestickte Ranzen im Alpenraum ein wohlbekannter Teil der Tracht sind, wissen selbst Heimatkundler nur noch wenig über ihre Vorgänger, die Zinnranzen.
Zinnranzen gelten als Vorgänger der federkielbestickten Ranzen. Foto: Stiefmüller

Während federkielbestickte Ranzen im Alpenraum ein wohlbekannter Teil der Tracht sind, wissen selbst Heimatkundler nur noch wenig über ihre Vorgänger, die Zinnranzen. „In der Zeit der napoleonischen Kriege wurden fast alle Zinngürtel wegen des hohen Bedarfs an Metall jeglicher Art eingeschmolzen“, erklärt Wilfried Weiss. Zuvor war das mit mehreren zehntausend Nägelchen besetze Leder vom Arlberg bis an die Adria, vom Grazer Becken bis hoch nach Schwaben ein weit verbreiteter und vor allem wichtiger Alltagsgegenstand. Die bis zu 20 Zentimeter breiten Gürtel waren Schutz und Schmuck für den männlichen Unterleib und sollten bei Messerstichen und Bajonetthieben Verletzungen verhindern. Um 1750 begann man dann, die Gürtel mit Ornamenten, Wappen oder Sprüchen zu verzieren. In dieser Zeit entwickelte sich im Alpenraum die Tracht, wie man sie heute kennt. Auch Frauen schätzten mit Zinnnägeln beschlagene Schmuckgürtel. Meist in Form von so genannten Messerriemen, an denen Besteck, Messer oder Schlüssel befestigt wurden. Eben einen solchen Messerriemen, Handtaschen, Schuhe oder Geldbörsen stellt Weiss in hunderten Arbeitsstunden aus bestem Leder und zierlichen Nägelchen her.

Liebe zum Leder schon als Kind entdeckt

Zinnranzen, Foto: Stiefmüller

Seine Passion für den Werkstoff Leder entdeckte Wilfried Weiss schon als junger Bursche. „Mein drei Jahre älterer Bruder lernte damals den Beruf des Sattlers. Im Betrieb seines Lehrherren durfte auch ich den Umgang mit Leder von der Pike auf lernen und habe Pferdehalfter bestickt und Riemen vernäht“, erzählt er. Und obwohl Wilfried später eine berufliche Karriere im Büro anstrebte, die Liebe zum Leder ließ ihn nie los. Im Laufe der Jahrzehnte erarbeitete sich der 64-jährige einen hervorragenden Ruf als talentierter Federkielsticker. In dieser Zeit kamen immer wieder Menschen mit historischen Zinnranzen zu ihm, die er restaurierte. Mehr als zehn Jahre sollte es dauern, bis Wilfried Weiss das Geheimnis des vergessenen Handwerks für sich entdeckte.  

Einmaligen Wissensschatz selbst erlernt

Es braucht viele Arbeitsschritte, Geduld und Erfahrung, bis aus einem Stück Leder ein zinnbesticktes Einzelstück wird. Foto: Siefmüller

„Landauf und landab gab es niemanden mehr, der wusste, wie die zinnbesetzten Gürtel damals hergestellt wurden“, so Weiss. Also begab er sich auf die Suche, besuchte unzählige Museen und las jahrhundertealte Manuskripte. Im Gespräch wird schnell klar, wie groß seine Passion für diese Kunst ist. „Manche würden es vielleicht sogar Besessenheit nennen“, meint er augenzwinkernd. Im Brixlegger Montanwerk gab er sogar eine Analyse historischer Zinnnägel in Auftrag. Stück für Stück sammelte er seinen heute einmaligen Wissensschatz zusammen. Die Details der Arbeitsschritte vom simplen Stück Leder bis hin zum aufwändig besetzten Ranzen bleiben selbstverständlich Wilfrieds Geheimnis. Doch eines liegt auf der Hand: Es braucht einen ausgeprägten Sinn für Ästhetik, ein geschultes Auge und eine Engelsgeduld. Denn nicht nur das Gießen der winzig kleinen Zinnnägel selbst ist ein aufwendiger Prozess, vor allem das Setzen der filigranen Nägelchen fordert ein Höchstmaß an Fingerfertigkeit. „Leder ist ein lebendiges, dynamisches Material. Ob bei der Verarbeitung oder beim Tragen, es verändert sich laufend. Damit die Nägel ein fehlerfreies Muster bilden, muss man ganz genau wissen, wie sie platziert werden müssen“. Das Ergebnis ist beeindruckend. Die schimmernden Zinnnägel bilden einen besonders reizvollen Kontrast zur Textur des Leders.

Moderne Designs und historische Muster

Foto: Stiefmüller

Stundenlang möchte man in Wilfrieds Werkstatt bleiben, aus dem Schauen kommt man hier einfach nicht mehr heraus. Moderne Designs reihen sich an historische Muster. Trachtiges findet neben Stylischem Platz. Zum Schluss zeigt der Kramsacher noch sein Meisterstück, wie er es selbst bezeichnet. „Das Original dieses Ranzens liegt in einem Museum in Linz. Und seit Jahren ging er mir nicht mehr aus dem Kopf, ich wollte unbedingt eine exakte Replik anfertigen.“ Für Wilfried Weiss ist „ein Zinngürtel eine schöne Metapher auf das Leben. Denn es sind die vielen kleinen Dinge, die das große Ganze erst schön werden lassen.“, so Weiss.

Wer das alte Handwerk kennenlernen möchte und sich ebenso einen herrlichen Zinnranzen von Wilfried Weiss machen lassen möchte, der kann den Kunsthandwerker in seiner Werkstatt in Kramsach antreffen.    

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