„Griaß Ench!“: Wo der Senner mit dem Bettuch winkt

Einfach leben: Kleine Auszeiten auf versteckten Almen im Tiroler Pillerseetal

Aussteigen durch Aufsteigen: Wer nicht gleich einen ganzen Sommer lang dem Alltagstress in der Abgeschiedenheit einer Almhütte entfliehen will, kann im Tiroler Pillerseetal Einsamkeit auf Zeit genießen. Wir stellen vor: Vier ganz besondere Orte, wo die Ursprünglichkeit zuhause, das Leben einfach, die Luft klar und der Blick weit ist.


Die Fichtendielen auf der Holzterrasse ächzen bei jedem Schritt, die Bänke unter den ausladenden Giebelbrettern sind von Sonne und Regen patiniert - und wer es auf die 1271 Meter hoch gelegene Schießlingalm geschafft hat, der atmet erst einmal tief durch. Und genießt: Kuhglocken, Schlüsselblumen, ein Traumpanorama auf die Kitzbüheler Alpen, die Steinberge und das freundliche „Griaß di“ der jungen Almbäuerin. Die Schießlingalm gehört zu den Kleinoden, wo die Welt Drumherum stehengeblieben zu scheinen scheint. „Und davon“, schwärmt Max Steinacher, „gibt´s hier, vergelt´s Gott, noch viele.“

400 Kilometer Wanderwege führen durch die Grasberge des Pillerseetals – und Max, passionierter Wanderführer in Diensten des regionalen Tourismusverbandes, kennt sie alle. Versteckt wie Perlen im großen Gipfelmeer ducken sich rund 30 von Wind und Wetter gegerbten Hütten-Juwelen des Pillerseetals im malerischen Talkessel der Steinplatte, schmiegen sich an die grandiose Felsfassade des Wildseeloder oder thronen auf schmalen Vorsprüngen oberhalb saftiger Almwiesen – stets die fünf Tiroler Talgemeinden Fieberbrunn, Waidring, St. Jakob in Haus, St. Ulrich am Pillersee und Hochfilzen zu Füssen.

Wären da im Tal nicht ein paar verblasste Hinweise auf die „Schießlingalm“ würde sich außer den ortskundigen Einheimischen vermutlich kaum jemand zu diesem verträumten Fleckchen Erde zwischen Hochfilzen und Weißleiten verirren. Dabei führt ein facettenreicher Weg hinauf, der schon nach dem ersten Kilometer den Alltag vergessen lässt. Vom romantischen Wiesensee aus geht es durch das Grieseltal, wo reißendes Schmelzwasser Steine zu mächtigen Kunstwerken geschliffen hat, hinauf. Vier bis sechs Stunden dauert die Wanderung, zur Stärkung und Belohnung gibt es auf der Alm als Zwischenstation frischen Käse und deftige Würstl, ein kühles Bier aus dem Erdkeller und ein freundliches Gespräch mit den Wirtsleuten.

Für die Besucher ist es ein Stück heile Welt dort droben, für die Senner Abwechslung im arbeitsreichen und oft gar nicht so romantischen Almerer-Alltag. Rund 90 Tage im Jahr sind die Almhütten in den Pillerseer Grasbergen Heim und Herberge für Tier und Mensch – meist ohne Strom und ohne Heizung, aber mit frischem Bergquell und klarer Luft. Im Mai ziehen sie gemeinsam auf den Berg, im Spätherbst wieder ins Tal. Dazwischen liegen lange Tage und kurze Nächte – aber einen Sommer ohne Alm? Für Christian Dödlinger ist das kaum vorstellbar. Der Senior unter den Sennern im Pillerseetal steht für Kühe, Käse und Kunst auf der Hütte. Wenn der 79-jährige das weiße Laken in den verwitterten Giebel hängt, dann wissen die Eingeweihten im talseitigen Fieberbrunn: Der zweistündige Aufstieg zur Rohralpe hoch über dem Hauptort des Pillerseetals lohnt sich. Senner Christian ist vor Ort, hat kühle Getränke im felsigen Kellerversteck, frisches Bauernbrot und geräucherten Speck („der muss drei Wochen selchen“) auf dem Holzbrett – und das Akkordeon in der Hinterhand. Die Tour zur einsamen Hütte, die seit 516 Jahren wie ein Schwalbennest auf 1260 Metern am Hang klebt und seit 100 Jahren im Familienbesitz ist, lohnt sich gleich mehrfach: Das Breitwandpanorama von der Holzterrasse zum Spielberg, zu den Hohen Tauern, zum Wildseeloder, dem Kitzbüheler Horn und zum Kaisergebirge ist gigantisch, der Senner Original und Künstler zugleich: Aus Fichtenholz zaubert er mit dem Jagdmesser geschnitzte Edelweiß, zum „Selbstbrennt´n“ greift er zur „Zugeh“ und serviert vor der Traumkulisse von rund 30 Gipfeln Tiroler Volkskunst – natürlich und „unplugged“.

„Zum Beten gehe ich in die Berge“ steht auf dem schlichten Holzkreuz oberhalb der Winterstelleralm. Links und rechts blüht der blaue Enzian wie auf einer künstlich angelegten Plantage, die Almrosen stehen kurz vor dem Ausbrechen und das erste Edelweiß treibt es aus den kalkhaltigen Böden am Wallerberg. Der Steinkreis markiert nicht nur symbolisch: Gut zwei bis drei Gehstunden und 700 Meter über vom Ausgangspunkt von St. Ulrich am Pillersee entfernt sind Wanderer dem Himmel ganz nah – und dafür dem oft stressigen Alltag völlig fern. Natur pur, die sich auch bei der späteren Einkehr unterhalb genießen lässt. Das Regiment auf der Winterstelleralm (die benannt ist nach dem berühmten Kommandeur der Tiroler Schützen im Freiheitskampf gegen Bayern und Napoleon) führt heute Anni Waltl. Die resolute Blondine ist im Sommer Chefin von 80 Rindviechern und bis in die Nachbartäler hinaus bekannt für Jausenplatten im XL-Format. Nach Anmeldung macht Anni Alm-Aussteigern auf Zeit sogar die Betten: Wer eine Mehrtagestour über die große Pillerseetal-Runde plant, kann auf 1423 Metern auch einfach wie rustikal übernachten – und mit dem Weckruf des hauseigenen Hahns aus den Federn, um am Bergkreuz andächtig die ersten Sonnenstrahlen zu empfangen.

Weniger früh aufstehen muss, wer Monika Kollmaier auf der Eiblberg-Einkehr besucht. Der mehr als 400 Jahre alte Hof mit dem windschiefen Balkon, den niedrigen Türen, den hohen Schwellen und dem „Häusl“ im Stall ist auch für Einsteiger in kleine Auszeiten gut zu erreichen. Vom Ortskern des romantischen St. Jakob in Haus ist der Aufstieg auf 1005 Meter in rund eineinhalb Stunden zu bewältigen, mit dem Mountainbike geht es über eine gut ausgebaute Straße noch schneller. Rund 300 Meter über dem Ort scheint unter dem Giebel des alten Hofes die Zeit stehengeblieben: Von der warmen Holzwand des historischen Bauernhauses aus schweift der Blick über saftige Almlandschaften zu den Steinbergen und zur Buchensteinwand. Wegen der Aussicht geraten viele Besucher ins Schwärmen – und beim Anblick der hausgemachten Kuchen und Torten noch mehr ...


Wochenendangebot „Kurz auswandern“: 3 Tage/2 Übernachtungen, Wanderstöcke ab 91 Euro /Person. Wanderwoche inklusive Wanderkarte, Wanderstöcke und PillerseeTal-Card ab 388 Euro/Person.

Wanderer finden im Tiroler Pillerseetal mehr als 400 Kilometer markierte Wege aller Schwierigkeitsgrade. Wer die versteckten Schönheiten ohne Umwege entdecken will, kann sich täglich geführten Touren anschließen. Professionelle Berg- und Wanderführer begleiten zu Almen und Gifpeln, Enzianwiesen und Murmeltieren. Vom 19. bis 21. September ist das Pillerseetal Austragungsort der 11. Wanderweltmeisterschaft, bei der jeder mitmachen kann. Täglich führen Touren unterschiedlicher Schwierigkeitsgrade zu den Höhepunkten des Pillerseetals.